4337baf5d9098b242c06e0cd960a8a08_w1170_h600_cp missio München - Afrikatag: Eine Schwester mit Leidenschaft für die Menschen

Im Blickpunkt des Afrikatags 2021 steht die Arbeit einheimischer Ordensleute in Nigeria. Schwester Maria Vitalis Timtere ist eine von ihnen. Sie begleitet im Nordosten Nigerias Frauen, Männer und Kinder, die vor der islamistischen Terrororganisation Boko Haram fliehen mussten. Hier erzählt sie von ihrer Arbeit und den Beweggründen.

Ein Flüchtlingscamp in Yola im Nordosten Nigerias: Männer, Frauen und Kinder, die auf der Flucht vor Boko Haram ihr altes Leben hinter sich lassen mussten. Seit Jahren leben die Menschen in provisorischen Hütten auf dem Gelände der Diözese. Die katholische Kirche unterstützt sie mit Nahrungsmitteln und medizinischer Grundversorgung, ermöglicht den Kindern den Schulbesuch. Doch die Menschen sehnen sich danach, wieder selbst für sich und ihre Familien sorgen zu können. Dass sie trotzdem die Hoffnung nicht verlieren, ist auch das Verdienst von Schwester Maria Vitalis Timtere.

Schwester Maria, was machen Sie hier im Camp?

Eigentlich teile ich einfach das Leben der Menschen und höre mir ihre Geschichten an. Manchmal zeige ich ihnen, wie sie besser auf sich selbst achtgeben können. Ich spreche mit ihnen über Körperpflege, über ihre seelischen Verletzungen und ihre psychische Gesundheit. Wir sprechen auch über Familienplanung. Die Jugendlichen haben ihre eigenen Fragen. Es geht um Erziehung und Aufklärung. Wenn sie Probleme haben, kommen sie zu mir und wir reden miteinander.

Warum ist es so wichtig zuzuhören?

Nun, da ich ihnen nichts anderes anbieten kann, höre ich ihnen zu. Ich habe das Gefühl, wenn ich ihre Geschichte höre, hilft ihnen das, herauszufinden, was in ihrem Inneren vorgeht und was sie bedrückt. So haben die Menschen die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Dann ermutige ich sie dazu. Manchmal kann ich ihnen einen Rat geben.

Was sind das für Geschichten? Erzählen die Menschen Ihnen, was ihnen zugestoßen ist?

Ja, es geht darum, wie die Menschen hier im Camp leben, und um das, was ihnen auf ihrem Weg passiert ist. Wer gehörte alles zu ihrer Familie, was ist mit den Familienmitgliedern passiert? Sie teilen ihre Geschichte mit mir, manche schreien sie heraus. Ich habe das Gefühl, das hilft ihnen, den Schmerz loszulassen und ein wenig Trost zu finden.

Wie gehen Sie damit um?

Ich sage immer, es ist die Gnade Gottes, dass ich mich darauf einlassen kann. Manchmal, wenn ich zu viel aufnehme, kann ich nicht schlafen. Mitten in der Nacht kommt dann die Erinnerung an ihre Geschichte und ich wache auf. Ich weiß nicht, wie sie mit ihrer Situation zurechtkommen. Manchmal, wenn ich in meine Gemeinschaft zurückkehre, erzähle ich meinen Mitschwestern davon. Manche hören einfach zu und sagen nichts, andere sagen ein oder zwei Dinge und ermutigen mich, nicht aufzugeben. Es gibt Zeiten, da sage ich, dass ich nicht zurückgehen kann, aber dann mache ich es doch.

Welche Geschichte hat Sie besonders berührt?

Eine Frau erzählte mir, dass sie ihren Sohn verloren hat. Er wurde vor ihren Augen getötet. Eine furchtbare Vorstellung. Ich selbst habe meine Eltern verloren, sie waren krank und starben. Manchmal vergleiche ich den Schmerz. Meine Eltern waren alt, doch der Verlust tut immer noch weh. Dass jemand dein eigenes Kind in deiner Gegenwart tötet und du damit leben musst, das zerreißt mir das Herz.

12 2020 afrikatag interview 2Und was gibt Ihnen Hoffnung?

Die Tatsache, dass die Menschen hier nach allem, was sie durchgemacht haben, noch immer lieben können. Manche nehmen Kinder auf, die ihre Eltern verloren haben, und sorgen für sie. Da ist die Frau, die ein Kind ruft. Wenn ich sie frage, wessen Kind das ist, sagt sie: Oh, es ist das Kind meines Nachbarn. Für mich ist das Liebe. Wenn die Flüchtlinge mit dieser Einstellung weitermachen, werden diese Kinder nicht voller Hass auf andere Menschen aufwachsen.

Die Menschen hier haben nicht zugelassen, dass ihr Ärger und ihr Schmerz sie auffressen. Sie geben all das nicht an die nächste Generation weiter. Zumindest versuchen sie, Liebe hervorzubringen und den Kindern Liebe zu zeigen. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass es nicht so weitergehen wird, dass die Dinge sich mit der Zeit ändern werden.

Was motiviert Sie, den Menschen zu helfen?

Angefangen hat alles, als ich Novizin in Jos war. Ein Dorf in der Nähe unserer Gemeinschaft wurde angegriffen. Also sind wir dort hingegangen, haben uns die Geschichten der Überlebenden angehört und ihnen geholfen, mit der Situation fertigzuwerden.

Von da an interessierte ich mich dafür, den Menschen zuzuhören und sie zu ermutigen, nicht aufzugeben. Es macht mir Freude. Ich kann nichts Materielles geben, mit dem die Betroffenen ein neues Leben beginnen können, aber ich kann zuhören und das ist etwas Gutes. Ich schätze mich glücklich, dass ich das geben kann. Es ist ein Segen für mich.

Warum haben Sie sich entschieden, Schwester zu werden?

Nun, es ist meine Leidenschaft, Menschen zu helfen. Hätte ich eine eigene Familie, so könnte ich mich vermutlich nicht so um andere Menschen kümmern, wie ich es jetzt tue. Ich betrachte jeden Menschen als Teil meiner Familie. Als Ordensfrau habe ich die Freiheit, alles hinter mir zu lassen und an einen anderen Ort zu gehen, um dort das Leben der Menschen zu teilen. Ein, zwei Jahre später verlasse ich diesen Ort wieder und teile woanders das Leben der Menschen. Wenn ich verheiratet wäre, wäre das nicht möglich. 

Unterstützen Sie jetzt Schwester Maria und andere Ordensleute mit Herz für die Mitmenschen!

SPENDEN SIE JETZT!

 

Afrikatag 2021
"Damit sie das Leben haben!" (Joh 10, 10) – unter diesem Leitspruch aus dem Johannesevangelium bittet missio München am 6. Januar 2021 in den bayerischen Diözesen und am 10. Januar 2021  im Bistum Speyer um Spenden für die Kirche in Afrika. Im Blickpunkt des Afrikatags steht die Arbeit einheimischer Ordensleute in Nigeria. Es geht um Frauen und Männer, die sich in den Dienst ihrer Mitmenschen stellen. Menschen, die versuchen, aus dem Glauben Antworten auf das Leid zu finden. Wollen Sie die Kollekte für den Afrikatag unterstützen? Hier geht es zu Plakaten, Bausteinen für den Gottesdienst und Impulsen samt Bastelanleitung für einen Seifenblasen-Welt-Gebetsfaden.

 

­