22d709f1e0c0e13271ddf677bf9dccf6_w1170_h600_cp missio München - "Boko Haram noch immer brandgefährlich"

Im April 2014 entführte die Terrororganisation "Boko Haram" 276 Schülerinnen aus dem Ort Chibok im Norden Nigerias, die meisten von ihnen Christinnen. Bis heute sind einige von ihnen in der Gewalt der radikalen Islamisten, andere Mädchen sind freigekommen. Im Interview mit missio-magazin-Redakteur Christian Selbherr spricht Journalist Stefan Klein über die Hintergründe.  Der 69-Jährige lebte mehr als zwölf Jahre als Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Afrika und berichtete von Bürgerkriegen, Hungersnöten und Revolutionen. Die Geschichte der "Chibok-Mädchen" aus Nigeria beschäftigte ihn so sehr, dass er sie zu dem Buch "Boko Haram: Terror und Trauma" ausarbeitete, das im Kunstmann-Verlag erschienen ist.

Herr Klein, in Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem, wie die geraubten Mädchen zum Islam übertreten mussten.
Den Mädchen blieb gar nichts anderes übrig, als zum Islam zu konvertieren. Das wurde gleich am Anfang erzwungen. Man hat mit einer Art Erpressung gearbeitet: Erst konvertiert ihr, und dann habt ihr vielleicht eine Chance nach Hause zu kommen.

Aber die Mädchen taten nur so, als ob...
Sie haben bald herausbekommen, wie man das macht: Sie haben, wie vorgeschrieben, fünf Mal am Tag das islamische Gebet verrichtet, dies aber nur dem Scheine nach. Ihre Mundbewegungen entsprachen dem, was von ihnen erwartet wurde, in Wahrheit aber sprachen sie still ihre christlichen Gebete. Auch hatten ein paar Mädchen heimlich Bibeln mitgenommen. Sie hatten sie irgendwo unter ihren Kleidern versteckt, und später, als sie diese islamischen Hijabs tragen mussten, war das sogar noch einfacher. Sie haben sehr schnell festgestellt, dass sie sich als Verstecke sehr gut eigneten.

Wie ist es gelungen, dass die drei Schwestern, die Protagonistinnen in Ihrem Buch, Ihnen ihre Geschichten anvertraut haben?
Schwierig! Schwierig! Das war ein langer Prozess. Diese Mädchen kommen aus einem sehr abgelegenen, zutiefst rückständigen Teil Nigerias. Ich bin vermutlich der erste weiße Mensch, mit dem sie es in ihrem ganzen Leben je zu tun hatten. Wir haben also eine Zeit gebraucht, um uns aneinander zu gewöhnen. Vor allem den Mädchen fiel es schwer, sich an mich zu gewöhnen.

Was hat Sie von den Erzählungen am meisten bewegt?
Das waren die Schilderungen des Tages, an dem die Entführer anfingen, sie massiv zu bedrängen, Kämpfer zu heiraten. Das haben die Mädchen auch im Nachhinein noch als ganz besonders schrecklich empfunden. Sie haben mit Empörung registriert, dass manche von ihren Klassenkameradinnen diesem Druck nachgaben. Für sie selber war das völlig ausgeschlossen. Die eine sagte: "Ich würde doch sowieso nie ohne meine Eltern heiraten." Die andere sagte: "Was wäre das denn für ein Leben? Das sind Verbrecher! Das sind Mörder, immer auf der Flucht."

Was haben die Mädchen noch erlebt?
Als größte Bedrohung haben sie die Kampfflugzeuge erlebt, die immer wieder kamen, Bomben abwarfen, und plötzlich standen Bäume und Gräser in Flammen. Meist wussten sie sich nicht anders zu helfen als sich auf den Boden zu werfen und ein Gebet zu sprechen, in der Hoffnung, dass es sie nicht trifft. Es gab einen Vorfall in einer Hütte, als plötzlich eine Bombe hereinrauschte. Als sich der Staub gelegt hatte, lagen da zehn tote Mädchen.

Die Bomben kamen von der Armee, die damit die Terroristen bekämpfen wollte?
Dieser Bombenterror zeigt die ganze Hilflosigkeit der Armee und der Regierung, denen nichts anderes eingefallen ist, als Rebellennester zu bombardieren, obwohl sie genau wussten: Da sind die Mädchen, da sind auch andere geraubte Frauen und zwangsrekrutierte Jungen. Aber diesen Kollateralschaden haben sie einfach in Kauf genommen.

Sind solche Entführungen nur möglich, weil es keinen funktionierenden Sicherheitsapparat gibt?
Dieser Fall illustriert sehr deutlich, dass die Menschen in Nigeria sich auf den Staat und auf die Armee nicht verlassen können. Der damals regierende Präsident Goodluck Jonathan hat über eine Woche gebraucht, bevor er sich überhaupt zum ersten Mal zu dem Fall geäußert hat. Er hat sich in dieser Zeit vor allem irgendwelchen Verschwörungstheorien hingegeben, das sei ja gar keine Entführung, das sei nur ein Manöver der Opposition, um ihn schlecht aussehen zu lassen. So hatte natürlich Boko Haram wunderbar Zeit, diese Mädchen wegzuschaffen und zu verstecken.

Und das Militär?
Die Armee ist genauso ignorant und unfähig. Sie hatte vor der Entführung einen Tipp bekommen. Die Armee hätte davon Gebrauch machen können – hat sie aber nicht. Kurz nach der Entführung hatten die Amerikaner dank ihrer Aufklärungsmittel bereits Informationen über den Standort des Konvois mit den Mädchen und über die Richtung, in die er sich bewegte. Das alles haben sie sofort an die Nigerianer weitergeleitet. Aber auch davon hat man keinen Gebrauch gemacht. Also: Staatsversagen ist hier tatsächlich das große Thema.

Im Vergleich dazu hat man es mit schwer bewaffneten Terroristen zu tun.
Boko Haram ist eine sehr gut organisierte Truppe. Sie sind schnell, flexibel und in der Lage, in kürzester Zeit örtliche Überlegenheit herzustellen. Die haben viel größeren Kampfgeist und eine viel größere Motivation als die Armee. Der derzeitige Präsident Buhari hat Boko Haram für besiegt erklärt, aber das stimmt nicht. Zeitweilig hatte die Bewegung Probleme, sie hat sich auch mal gespalten, aber unter dem Strich bleibt Boko Haram eine große Bedrohung. Für den Nordosten Nigerias gilt bis heute: Es ist ein Gebiet, in dem sich Zivilisten nur unter Lebensgefahr bewegen können. Boko Haram ist weiterhin brandgefährlich.

Was wird aus den Mädchen werden?
Schwierig zu sagen. Die Mädchen sind alle traumatisiert. Andererseits hatten sie Glück im Unglück. Dadurch, dass diese Chibok-Mädchen nicht zuletzt dank der Aktivistengruppe "Bring back our Girls" so sehr im Fokus der Öffentlichkeit standen, sind sie anders behandelt worden, als andere Opfer von Boko Haram. Für die Chibok-Mädchen gab es nach ihrer Befreiung einen großen Bahnhof, sie wurden vom Präsidenten empfangen. Die Mädchen haben von Anfang an psychologische Hilfe bekommen, bis heute. Man hat sie in eine der besten Schulen geschickt, die das Land hat.

In ganz Westafrika verschlechtert sich die Sicherheitslage. Warum?
Es ist die logische Konsequenz aus den sozialen Verwerfungen in diesen Ländern. Würde es den Ländern wirtschaftlich besser gehen, hätten die jungen Leute Jobs, würden sie so viel Geld verdienen, dass sie davon nicht nur selber leben, sondern auch ihre Familien ernähren können, dann würde der radikale Islam sich sehr viel schwerer tun. Nigeria ist so reich! Es ist der größte Erdölproduzent Afrikas, die größte afrikanische Volkswirtschaft. Sie haben ein enormes landwirtschaftliches Potenzial, sie könnten eigentlich ganz Westafrika ernähren, aber: Es ist letztlich ein Land der verpassten Möglichkeiten. Das Öl hat dem Land kein Glück gebracht. Es hat eigentlich nur die korrupte Elite noch korrupter und noch entschlossener gemacht, das Land auszuplündern. Das normale Volk hat davon nicht profitiert. Es ist dies der Boden, auf dem so etwas wie radikaler Islam gedeihen kann.

Interview und Foto: Christian Selbherr

 

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