63354f73423fb5d39d66406fe6322714_w1170_h600_cp missio München - Eine "Rose in der Wüste"

Es kann passieren, dass man an irgendeinem abgelegenen Ort im riesigen Land Mali sitzt, und plötzlich die Sprache auf eine Frau namens Anne-Marie Salomon kommt. Voller Ehrfurcht wird ihr Name ausgesprochen. Sie sei "wie eine Mutter Teresa", sagen die einen. Ein katholischer Ordensmann aus Deutschland wiederum, der lange Zeit in Afrika lebte, nennt sie: Eine Rose in der Wüste.

Wer ist also diese Frau, die 1934 in Frankreich zur Welt kam? Der Weg nach Afrika war für Anne-Marie Salomon keineswegs vorgezeichnet. 1955 trat sie in einen Schwesternorden ein, und 13 Jahre lang arbeitete sie als Lehrerin für Mathematik, Chemie und Physik. Sie war nicht unglücklich damit, aber sie wollte mehr.

Das zweite Leben begann mit fast 50 Jahren

Irgendwann zeigte sich, dass es nie zu spät ist, um im Leben noch einmal ganz neu anzufangen: Anne-Marie Salomon war schon 45 Jahre alt, als sie ein Medizinstudium begann. Sie wollte Ärztin werden, und nicht nur das: Es zog sie weit weg von zu Hause, nach Afrika. Sie kam in den Norden von Mali, wo vor allem die Tuareg leben. "Gott hat mich zu ihnen geführt", sagt die Französin heute.

Mitten im Nirgendwo gründete sie zwei Kliniken, und führt diese Einrichtungen bis heute. Wenn auch aus der Ferne – denn die Turbulenzen, von denen Mali seit 2012 erfasst worden ist, haben auch ihr Leben ein weiteres Mal auf den Kopf gestellt. Wegen der anhaltenden Bedrohung durch Banditen und Terroristen musste sie aus Malis Norden weggehen. Auf Anweisung der französischen Botschaft darf sie die Hauptstadt Bamako nicht mehr verlassen - zu groß ist die Gefahr, dass sie zum Beispiel Opfer einer Entführung werden könnte.

Doch ein solcher "Lockdown" kann Schwester Anne-Marie Salomon kaum bremsen. Im "Centre Acceuil", einem Gästehaus von Ordensfrauen im alten Stadtzentrum von Bamako, lebt und arbeitet sie jetzt. Ihr Schreibtisch steht wegen der Hitze und des begrenzten Platzes im Freien. Darauf türmen sich Papiere, Rechnungen und Quittungen. Ein Mobiltelefon schafft Verbindungen in alle Richtungen. Und regelmäßig sprechen Bittsteller bei ihr vor.

Mitglied der französischen Ehrenlegion

Sie habe immerhin gut 100 Patenkinder, erklärt die Ärztin. Bedürftige Frauen und Mädchen, Jungen und Männer, um die sich die Schwester kümmert. Anne-Marie Salomon bezahlt für sie zum Beispiel die Schulgelder, organisiert Studien- oder Ausbildungsplätze – und sorgt für die richtige Behandlung, wenn jemand in der Familie schwer krank wird. Für ihre Leistungen ist Anne-Marie Salomon inzwischen in die französische Ehrenlegion aufgenommen worden.

Angesichts der gewaltigen Herausforderungen, vor denen ein Land wie Mali steht, mag ihr Einsatz trotzdem auch manchmal vergeblich wirken – so viele Bedürftige gibt es doch, und wer kann schon allen Menschen gleichzeitig helfen? Aber wie sagte nicht der Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner: "Alles Gute auf der Welt geschieht nur, weil einer mehr tut, als er tun muss."

Christian Selbherr

­