8d1f8c4405d123aed5db055afc8df4e9_w700_h358_cp missio München - Interview zur Lage im Libanon mit Michel Constantin - dem Regionaldirektor der Päpstlichen Mission in Beirut

Mehr als ein Jahr nach der Explosion in Beirut ist die Situation im Libanon schlimmer denn je. missio-magazin-Redakteurin Kristina Balbach sprach zur aktuellen Lage mit dem Regionaldirektor der Päpstlichen Mission in Beirut, Michel Constantin. Hier finden Sie das ausführliche Interview aus dem missio magazin 6/2021.

Michel ConstantinMichel Constantin, Regionaldirektor der Päpstlichen Mission in BeirutHerr Constantin, wie geht der Wiederaufbau in Beirut voran?
Tatsächlich ist in den vergangenen zwölf Monaten kaum etwas erneuert worden – und falls doch, sind es Initiativen lokaler und internationaler NGOs oder von Privatleuten. Selbst in den weniger beschädigten Vierteln kehrt das Leben nur sehr zögerlich zurück. Schuld ist neben den Verwüstungen die Wirtschaftskrise, die das Land seit Ende 2019 durchläuft. 

Wer oder was trägt die Schuld daran?
Auf Regierungsebene könnten wir von einem gescheiterten Staat sprechen. Die Politiker sind seit einem Jahr unfähig, eine Regierung zu bilden und die Krise zu bewältigen. Will der Libanon internationale Unterstützung bekommen, muss die Korruption wirksam bekämpft und das finanzielle Ausbluten der Menschen gestoppt werden. 

Wie geht es den Menschen im Libanon?
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Mit 30 Dollar im Monat hat der Libanon inzwischen einen der niedrigsten Mindestlöhne der Welt. Importgüter wie Benzin und Medikamente werden nicht länger subventioniert. Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Herzleiden haben bereits jetzt Schwierigkeiten, eine Behandlung zu bekommen, und riskieren gesundheitliche Komplikationen. Darüber hinaus ist für mehr als vier Millionen Menschen, darunter eine Million Flüchtlinge, der Zugang zu sauberem Wasser nicht mehr gesichert, sollten die vielen Wasserpumpen im Land ausfallen. Wer kann, verlässt das Land. Viele hochqualifizierte Menschen wie Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und Universitätsprofessoren haben das bereits getan.  

Wie könnte der Libanon stabilisiert werden?
Um das Land zu stabilisieren, sehe ich nur einen Weg: Wir sollten den Mechanismus der Staatsführung und die Struktur des Landes ändern, um alle Bedingungen zur Korruptionsbekämpfung zu erfüllen, die von der internationalen Gemeinschaft und Einrichtungen wie dem Internationalen Währungsfonds auferlegt werden. Das  erfordert sehr strenge Sparmaßnahmen für die Menschen und auch für die Regierung. Dieser Prozess hat noch gar nicht begonnen, wir haben dagegen bereits viele Monate mit Nichtstun verloren. Entscheidend für die Einleitung eines solchen Prozesses ist die Bildung einer neuen Regierung, die sich zur Kooperation mit der internationalen Gemeinschaft verpflichtet, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. 

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