182658e8e4c21cef527249a211f07c24_w1170_h600_cp missio München - Reportage aus Mali: Die neuen Glücksritter

Gold! In Westafrika und besonders im Krisenland Mali hoffen viele Kleinschürfer darauf, schnell reich zu werden. Manche von ihnen wollen sich vielleicht sogar eine Auswanderung nach Europa finanzieren. Zugleich werden die Goldminen immer mehr zu einer beliebten Einnahmequelle für bewaffnete Gruppen.

TEXT: CHRISTIAN SELBHERR | FOTOS: JÖRG BÖTHLING

MAN WÜRDE JA NICHT damit rechnen, aber dennoch, so ist es: In der Goldmine ist heute Ruhetag. "Weil Freitag ist", sagt Mamadou Sidibé. Und in einem überwiegend islamisch geprägten Land wie Mali ist eben der Freitag der Tag zum Beten und Rasten. So hat Sidibé heute Zeit, sich eine Kanne Tee aufzukochen, und sich mit seinem Kollegen zu unterhalten, während sie beide unter der Plastikplane sitzen, die ihren Goldsucherplatz ein wenig vom Staub schützt.

Der Harmattan-Wind bläst sandige Wolken über den Hügel herauf. Die zwei Männer haben Wachdienst – am freien Tag soll niemand sich einfach einen der begehrten Plätze nehmen können. Der Boden ist voller Löcher – die Stollen, die sich die Goldschürfer in die Landschaft gegraben haben. Mamadou Sidibé kennt das Geschäft. "Seit 2017 bin ich hier", sagt er, der aus einem Ort nahe der Grenze zu Guinea kommt. Nun also, wie läuft das Geschäft? "Nicht mehr so gut", sagt Sidibé. "Mal finden wir etwas Gold, aber meistens finden wir nichts."

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Die kleine Mine hier im Südwesten von Mali scheint nach ein paar Jahren langsam zu versiegen. Andererseits: Wer würde schon jedem Fremden gleich erzählen,wie viele Reichtümer hier in der Erde versteckt sind? Es gibt ja sowieso schon genug Konkurrenz. Auf etwa 700.000 wird die Zahl der informellen Goldsucher geschätzt, die an vielen Orten in Mali den braunen Boden aufgraben und nach dem begehrten Edelmetall suchen. In anderen Ländern Westafrikas sollen es noch viele weitere Tausend sein. Es gibt derzeit einen afrikanischen Goldrausch. Im Jahr 2012 hat man eine neue Goldader entdeckt, die sich quer durch das Sahelgebiet zieht, vom Sudan über Tschad und Niger bis nach Burkina Faso und Senegal. Und eben: Mali.

Freitag, Ruhetag – das bedeutet für Aicha Diallo eigentlich, dass sie viel zu tun haben müsste. Wenn die Goldsucher frei haben, dann könnten sie nämlich die Zeit nutzen und zu ihr in den kleinen Laden kommen, den sie gleich neben den vielen Goldwaschplätzen betreibt. Sie könnten ihren kleinen Gewinn doch eintauschen gegen Reis oder Zucker, Wasser oder Limonade – oder lieber gleich, muslimisch hin oder her – gegen ein alkoholisches Getränk. Denn so streng wird das eben doch nicht genommen mit dem Feiertag. Während zwar manche Stollen verwaist sind und sich die Männer auf den Weg in die kleine Stadt Sadiola gemacht haben, um in die Moschee zu gehen, läuft doch die Arbeit weiter.

Hochgiftige Dämpfe

"Schau her", sagt einer, und zeigt, wie es geht: Wie sie die Steine, die sie bis gestern aus den Schächten und Stollen heraufgezogen haben, heute auseinanderklopfen und zu Sand zermahlen. Wie sie das Gestein und Geröll mit Wasser mischen, und dann eines der ältesten Hilfsmittel verwenden – aber auch eines der giftigsten: Quecksilber. Man nennt es das "Amalgamverfahren". Wenn sich das im Sand versteckte Gold mit Quecksilber verbindet, bildet sich das Amalgam.Und wenn man dieses nachher heiß macht, wird das Quecksilber verdampfen, und das reine Gold liegt in der Schale. Hochgiftig sind die Dämpfe. Aber der Ruf des Reichtums klingt eben manchmal lauter, als alle gut gemeinten Warnungen.

3 2020 Goldsucher Mali7Zwanzig bis dreißig Meter gehen die Schächte in die Tiefe.

Dass Westafrika reich an Gold und anderen Schätzen ist, das ist übrigens nicht so neu. Hieß nicht das heutige Ghana zu britischen Kolonialzeiten noch "Goldküste"? Und in Mali erzählt man sich bis heute die Geschichte des Herrschers der Mandinké, König Mansa Musa, der im 14. Jahrhundert auf Pilgerfahrt nach Mekka ging. 60.000 Mann begleiteten ihn, und sie sollen bei dieser Gelegenheit zwei Tonnen Gold mit in den Nahen Osten gebracht haben. Aber genug der Märchen, denn davon wird man nicht satt.

Jagd nach Gold schafft kleinteilige Wirtschaft

"Wir brauchen Wasser, wir brauchen Strom", sagt Aicha Diallo, während endlich eine Kundin kommt – ein Mädchen, das ihr ein paar Zwiebeln abkauft. Strom erzeugen sie aufwendig mit teuren Dieselgeneratoren, andere haben kleine Solarzellen. Wasser muss man kanisterweise kaufen. Zwischenhändler liefern es in gelben Plastikbehältern auf ihren chinesischen Motorrädern. Zuvor haben sie es an einer zentralen Wassertankstelle abgeholt. So hat die Jagd nach Gold auch drumherum eine kleinteilige Wirtschaft mit vielen einzelnen Stationen geschaffen. Ein Motorradfahrer hier, ein Wasserhändler da, eine Ladenbesitzerin dort - jeder hofft an irgendeiner Stelle auf seinen Teil vom Gewinn. Aber in Wahrheit gilt, was Geschäftsfrau Aicha Diallo sagt: "Wir haben alle kein Geld!"

3 2020 Goldsucher Mali5"Wir brauchen Wasser.Wir brauchen Strom", sagt die Ladenbesitzerin Aicha Diallo.

Was man als kleiner Schürfer an Gold findet, geht erst einmal in die Hände eines Mittelsmannes. Der trifft sich dann auf irgendeinem Markt mit einem Großaufkäufer und der wiederum reicht es an den nächsten weiter. Je weiter oben man steht auf dieser goldenen Leiter, desto mehr ist zu verdienen. Für die Unteren bleibt nicht viel. Über genaue Summen redet hier keiner gerne, aber grob gesagt ist es so: Die Oberen rechnen in Tausendern und Millionen. "Wir zählen unser Geld nach 100 oder 200 Francs", sagt Aicha Diallo, als sie gerade einer Kundin kleines Geld herausgibt. Es ist gar nicht so einfach, die weit verzweigten Netzwerke nachzuvollziehen, in denen die Goldfunde letztlich außer Landes gelangen. Denn die wenigsten Kanäle sind offiziell, der Staat hat kaum einen Überblick, was im informellen Sektor so alles gefunden, gekauft und gehandelt wird.

Großer Teil findet auf dem Schwarzmarkt statt

Eine von der EU finanzierte Studie der Organisation "Partnership Africa Canada" fand 2017 ganz interessante Dinge heraus. Das allermeiste Gold geht demzufolge nach Dubai, und die Araber importieren weit mehr malisches Gold, als in Mali überhaupt produziert wird. Das führt die Experten zu zwei Schlussfolgerungen: Ein großer Teil der Erträge und des Handels findet auf dem Schwarzmarkt statt. Und durch den malischen Markt fließt außerdem unerkannt das Gold aus Nachbarländern wie Burkina Faso, Senegal oder auch der Elfenbeinküste. Wer verdient daran? Industrielle Minen, von denen es auch in der Südwestregion um die Provinzhauptstadt Kayes einige gibt, sind in ausländischer Hand. Kanadische, australische und südafrikanische Konzerne halten die Mehrheit; der malische Staat, der mit den Einnahmen aus dem Abbau von Bodenschätzen seine Bürgerinnen und Bürger ernähren könnte, ist nur mit einem weitaus kleineren Anteil beteiligt.

In den informellen Minen, dort, wo die Kleinschürfer ihre Stollen und Schächte in die Tiefe graben, hat der Staat noch viel weniger Einfluss. "Warum sollte man auch die Regierung beteiligen?", denken sich hier viele. Dann wären sowieso nur Steuerzahlungen und Bestechungsgelder fällig; die Regierungsbeamten würden verdienen, der einfache Arbeiter und die Ladenbesitzerin würden trotzdem weiter auf eine soziale Absicherung oder sonstige staatliche Dienste warten. "Meine Tochter ist in der sechsten Klasse", hatte Aicha Diallo noch gesagt. "Aber sie geht nicht zur Schule, weil die Lehrer schon wieder streiken." Deshalb sagen sich besonders viele junge Menschen: "Ab auf die Goldfelder!"

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Wie Ahmadi Bah, der seit ein paar Tagen einen Schürfplatz bearbeitet. Er ist in einem kleinen Dorf nahe der Schürfstätte aufgewachsen, seine Mutter ist von hier, sein Vater kommt aus dem Senegal. "Ich bin jung, ich habe Kraft, ich will was werden!", sagt er. Er hat schon eine handwerkliche Berufsausbildung gemacht. "Aber für einen eigenen Betrieb bräuchte ich Material, Werkzeug, Geräte", sagt er. Die Eltern haben zu Hause ein paar kleine Felder. "Aber ich will kein Bauer sein", sagt Ahmadi Bah. Junge Männer wie er sind es, die über die Zukunft eines Landes wie Mali entscheiden werden. Entweder, sie haben eine Perspektive und ein Auskommen, oder sie gehen eben weg.

Auswanderung hat in der Region Kayes, in der sich die vielen Goldfelder befinden, eine lange Tradition. Eine Statistik besagt, dass von den Einwanderern aus Mali, die im Jahr 2007 in Frankreich lebten, 80 Prozent aus der Region Kayes stammten. Doch inzwischen ist die Route nach Europa so gut wie abgeriegelt und hochgefährlich. Was bleibt dann noch? Am Rande des Goldsucherplatzes haben die "Tomboloma" ihren Posten. Eine private Wachtruppe, die für Sicherheit und Ordnung sorgen soll. Der jeweilige Clanchef des Dorfes organisiert sie, die Goldsucher zahlen ihnen Abgaben.

Eine Dienststelle der staatlichen Gendarmerie ist zwar auch in der Gegend, aber die liegt weit genug entfernt, um hier nicht eingreifen zu müssen. An vielen Goldschürfstätten in Mali sind immer wieder neue bewaffnete Gruppen zu sehen. Manche von ihnen begreifen sich als Wachleute, andere wachen darüber, dass islamische Feiertage in Zukunft strenger eingehalten werden – Islamistische Kämpfer in Diensten des Dschihad zum Beispiel. Praktischerweise gilt die Goldsuche als "halal", und ist also mit dem Koran vereinbar. Und nur mal angenommen: Wenn sich nebenbei dann noch der eine oder andere junge Mann anwerben lässt, der gesagt hat: "Ich bin jung. Ich habe Kraft"?

Was in den Schüsseln der Goldwäscher liegt, ist oft winzig klein. Und doch kann man damit fast die ganze Welt erklären.

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Stillstand und Rückschritt
Der Hauptbahnhof in Malis Hauptstadt Bamako ist wohl eines der passenden Symbole für die traurige Lage des Landes in Westafrika. Immer noch irgendwie imposant, schlummert das historische Gebäude aus den 1920er-Jahren vor sich hin. Fast alles, was einen Verkehrsknotenpunkt normalerweise ausmacht, fehlt hier. Kein hektisches Treiben, keine Passagiere, die eilig noch zum Zug laufen, keine fliegenden Händler, die beharrlich ihre Waren anbieten. Der letzte Zug steht noch am Gleis, ohne Lokomotive, nur die Waggons. 2018 wurde der Betrieb eingestellt, "vorübergehend", wie es hieß. Am Eingang sitzen einige ehemalige Eisenbahner herum – ihr Arbeitsverhältnis besteht weiter, aber es gibt nichts zu tun. In besseren Zeiten war Mali ein beliebtes Land für Touristen und weithin bekannt für seine Musik und Kultur. Nebenan im Bahnhofscafé "Buffet de la Gare" spielte regelmäßig die legendäre "Super Rail Band". Eigentlich soll die 1287 Kilometer lange Route von Dakar im Senegal bis nach Bamako in Mali mit rund 880 Millionen Euro ertüchtigt werden – doch im Moment liegt sie still. Das rührt vor allem von der Krise im Norden des Landes her, die ganz Mali lähmt und verunsichert. 2012 brach die Tuareg-Rebellion aus, es folgte der Aufstieg von Terrorgruppen wie AQIM (al-Qaida im Maghreb), Ansar Dine, Islamischer Staat und einigen anderen. Viele dieser islamistischen Kämpfer hatten zuvor in Libyen an der Seite von "Revolutionsführer" Gaddafi gestanden. Sie flohen nach Mali, nachdem Gaddafi 2011 abgesetzt und getötet worden war. Seit 2013 versuchen die ehemalige Kolonialmacht Frankreich und die Vereinten Nationen (UNO) nun, Mali militärisch zu stabilisieren. Am UNO-Einsatz MINUSMA (etwa 12000 Soldaten) ist auch die deutsche Bundeswehr mit inzwischen bis zu 1100 Soldaten beteiligt. Das aktuelle Mandat läuft bis Ende Mai 2020, eine Verlängerung gilt als wahrscheinlich.

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