Melanie Huml im Gespräch mit Christian Selbherr

Die bayerische Staatsministerin Melanie Huml fordert im Interview mit dem missio magazin mehr Unterstützung für die Entwicklungszusammenarbeit und mehr Impfmöglichkeiten für Afrika.

München. Bayerns Europaministerin Melanie Huml hat zu einem verstärkten Engagement für den Nachbarkontinent Afrika aufgerufen. „Wir müssen aufpassen, dass das, was sich vor Corona entwickelt hat, sich jetzt nicht wieder zurückentwickelt,“ sagte die Ministerin im Interview mit dem „missio magazin“, das beim Internationalen Katholischen Hilfswerk missio in München erscheint. Gerade in Zeiten der weltweiten Pandemie seien die Herausforderungen klar geworden, vor denen die Welt stehe, so Huml. „Wir müssen uns kümmern, dass Afrika auch impft und die Menschen dort geimpft werden. Eine globale Pandemie kriegst du nur in den Griff, wenn global die Menschen geschützt sind. Sonst hat man dann, wenn wieder alle Menschen per Flugzeug reisen, quasi ,Pingpong-Effekte‘“, erklärte die Ministerin, die auch Ärztin ist.

Mit Blick auf den Vorwurf, dass reiche Länder bei der Impfstoffverteilung bevorzugt worden seien, sagte die Ministerin: „Es wäre eben wenig Verständnis in der bayerischen Bevölkerung da gewesen, wenn wir gesagt hätten: Als erstes liefern wir den Impfstoff nach Tunesien.“ Melanie Huml war bis Januar 2021 bayerische Gesundheitsministerin im Kabinett von Ministerpräsident Markus Söder. Sie beschreibt die Notlage in den Anfangswochen der Pandemie: „Wir hatten Situationen im Frühjahr 2020, da hat man uns aus der Oberpfalz angerufen und gesagt: Wenn jetzt noch ein paar Coronakranke mehr kommen, dann gehen uns die Beatmungsgeräte aus.“

 Über das „Bayerische Afrikapaket“ investiert der Freistaat pro Jahr mehr als 12 Millionen Euro in Projekte der Schwerpunktländer wie Äthiopien, Senegal, Tunesien und Südafrika. Gemeinsam mit missio München konnte so zum Beispiel Nothilfe in der äthiopischen Krisenregion Tigray möglich gemacht werden. Ministerin Melanie Huml lobt die Zusammenarbeit mit kirchlichen Strukturen: „Wenn wir Projekte umsetzen, setzen wir immer auf bewährte Träger. Da sind gerade auch die Kirchen wichtige Partner, weil wir natürlich wollen, dass das Geld vor Ort sinnvoll eingesetzt wird. Deswegen arbeiten wir auch mit missio gerne zusammen. Wir schätzen die jahrzehntelange Erfahrung vor Ort und sehen, dass die nötige Zuverlässigkeit da ist.“

Dem krisengeschüttelten Partnerland Äthiopien sagte Huml Unterstützung zu: „In Afrika braucht man den Marathon mit langem Atem. Wir können uns jetzt nicht gleich wieder zurückziehen, weil die politische Lage vielleicht nicht unseren Vorstellungen entspricht. Es ist umso wichtiger, zu zeigen: Wir sind da!“

Zur Person: Melanie Huml ist Ärztin und wurde 2003 in den Bayerischen Landtag gewählt. In der Regierung von Ministerpräsident Markus Söder war die CSU-Politikerinzunächst Staatssekretärin für Soziales undspäter für Umwelt. 2013 wurde sie Gesundheitsministerin. Seit Januar 2021 ist sie Staatsministerin für Europaangelegenheiten und Internationales. In dieser Funktion kümmert sie sich auch um das "Bayerische Afrikapaket", mit dem der Freistaat Entwicklung in Tunesien, Senegal, Äthiopien und Südafrika fördert. Pro Jahr investiert Bayern über zwölf Millionen Euro in Afrika. Darunter auch in ein Projekt des "Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft" (BBW) für elektrisch betriebene Lastenfahrräder im Bamberger Partnerbistum Thiès / Senegal.

Lesen Sie hier das ganze Interview von Christian Selbherr mit Melanie Huml, erschienen im missio magazin 6/2021:

Als Markus Söder 2019 nach Äthiopien reiste, sprach man vom „zarten Pflänzchen der bayerischen Afrikapolitik“. Die Welt ist heute eine andere ...

Aber auch in Coronazeiten sind wir immer aktiv geblieben! Wenn ich an Tunesien denke, da haben wir erst kürzlich geholfen, weil die Coronazahlen massiv gestiegen sind und dem Gesundheitswesen die Überlastung droht. Wir haben Material geliefert wie OP-Masken, FFP2-Masken, Handschuhe, fünf Beatmungsgeräte.

Hat nicht die Pandemie viele Programme erst einmal zum Stillstand gebracht?

Manches Projekt mag sich etwas verzögert haben - weil zum Beispiel Schüler nicht in die Schulen gehen konnten. Aber wir brauchen das jetzt umso mehr! Wir müssen aufpassen, dass das, was sich vor Corona entwickelt hat, sich nicht wieder zurückentwickelt. Zum Beispiel dort, wo es schon selbstverständlich war, dass Kinder zur Schule gehen durften.

Das Partnerland Äthiopien galt als Hoffnungsträger, steckt jetzt aber in der tiefsten Krise seit Langem. Was bedeutet das für die Zusammenarbeit?

Gerade der Konflikt in Tigray ist schon sehr belastend. Ich glaube, in Afrika braucht man aber den Marathon mit einem langen Atem. Wir können uns jetzt nicht gleich wieder zurückziehen, weil die politische Lage vielleicht nicht unseren Vorstellungen entspricht. Es ist umso wichtiger zu zeigen: Wir sind da! Das Entscheidende bei der Zusammenarbeit mit Afrika ist: Es gibt Situationen, da müssen wir beim reinen Überleben unterstützen, damit die Menschen überhaupt genug zu essen haben. Aber es ist auch sehr wichtig, dass wir, wie gerade im Senegal, Projekte unterstützen, wo es um „Start-ups“ geht, wo es um wirkliche Wirtschaftsförderung geht.

Ein eher überraschendes Beispiel sind hier die Maschinenringe im Senegal. Die Idee stammt aus Bayern.

Ja, das wird bei uns seit Jahrzehnten gelebt. Nach dem Motto: Wir kaufen uns gemeinsam ein Gerät und leihen es uns gegenseitig aus. Der Maschinenring und der Genossenschaftsgedanke sind richtig gut, und sie funktionieren auch in Regionen wie dem Senegal, wo es Tradition ist, dass die Menschen ihre Felder gemeinsam bewirtschaften.

Warum betreibt eigentlich ein einzelnes Bundesland wie Bayern eine eigene Afrikapolitik, mit einer Ministerin für „internationale Angelegenheiten”?

Wir sind ein Land, in dem wir nicht nur die Verantwortung sehen für die Bevölkerung bei uns, sondern durchaus auch in der Welt. Es gibt viele Bereiche, da kann man nicht nur in Bayern handeln, sondern da muss man über Bayern hinausdenken. Etwa beim Klimaschutz oder auch bei der Frage: Warum kommen so viele Menschen zu uns und versuchen, ihr Heil bei uns zu finden? „Fluchtursachen bekämpfen“ – das klingt immer so negativ, vielmehr geht es darum: Den Menschen Perspektiven im eigenen Land zu geben. Als Ministerin bin ich zwar vor allem für Europa verantwortlich, aber eben auch für internationale Angelegenheiten, und damit bin ich auch die „Eine-Welt-Ministerin“.

Bayerns Afrikapolitik hat aber durchaus eine längere Tradition. Schon mit dem Apartheid-Regime in Südafrika pflegte man gute Kontakte, auch die Beziehungen von Franz Josef Strauß nach Togo kann man zumindest ambivalent sehen.

In meinen Augen ist das aber schon auch eine Frage der jeweiligen Zeit. Manchmal gibt es Wünsche und Vorstellungen, die nicht erfüllbar sind. Von daher sehe ich weniger die Frage: Was haben wir vor Jahrzehnten gemacht, als vielmehr: Was ist jetzt für uns wichtig. Wir können auch immer nur mit den Regimen zusammenarbeiten, die gerade da sind. Das muss man auch in dieser Deutlichkeit sagen. Aber wir können natürlich auch wählen, und deswegen haben wir uns heute für bestimmte Länder und Regionen entschieden, mit denen wir zusammenarbeiten wollen.

Viele afrikanische Länder sind in der Tat vorangekommen im Bereich Demokratie.

Und ich glaube, dass einiges aus der damaligen Zeit dazu beigetragen hat, diese Entwicklung mit anzustoßen. Wenn die Menschen wirtschaftlich stärker werden, dann werden sie auch unabhängiger von ihren Regimen und haben mehr Selbstbewusstsein.Das führt auch dazu, dass sie mehr Verantwortung haben und diese auch übernehmen möchten. Das ist eine Bewegung, die in Richtung Demokratie und Demokratisierung geht.

Wie wichtig sind Ihnen Partner, wie zum Beispiel kirchliche Hilfswerke?

Wenn wir Projekte umsetzen, setzen wir immer auf bewährte Träger. Da sind gerade auch die Kirchen wichtige Partner, weil wir natürlich wollen, dass das Geld vor Ort sinnvoll eingesetzt wird. Wir selbst haben zwar vielleicht ein Büro vor Ort und auch die politischen Kontakte, aber wir haben ansonsten nicht die Mitarbeiter direkt vor Ort. Wir setzen auf Strukturen, die schon da sind. Wir fragen uns dabei: Denken wir mit unseren Schemata oder müssen wir nicht auch die afrikanische Brille aufsetzen? Wie berücksichtigen wir die Gegebenheiten vor Ort? Dafür musst du Afrika kennen, und dafür brauchen wir Träger, die die Erfahrung und die Ortskenntnis haben. Deswegen arbeiten wir auch mit missio gerne zusammen. Wir schätzen die jahrzehntelange Erfahrung vor Ort und sehen, dass die nötige Zuverlässigkeit da ist.

Wenn wir von Solidarität sprechen: Wie gerecht ist denn etwa die weltweite Verteilung von Impfstoff in der Pandemie?

Ehrlicherweise: Wir müssen uns kümmern, dass Afrika auch impft und die Menschen dort geimpft werden. Eine globale Pandemie kriegst du nur in den Griff, wenn global die Menschen geschützt sind. Sonst hat man dann,  wenn wieder alle Menschen per Flugzeug reisen, quasi „Pingpong-Effekte“.

Man hat aber das Gefühl: Jedes Land schaut vor allem auf sich.

Es wäre eben wenig Verständnis in der bayerischen Bevölkerung da gewesen, wenn wir gesagt hätten: Als erstes liefern wir den Impfstoff nach Tunesien. Ich sage Ihnen: Wir hatten Situationen im Frühjahr2020, da hat man uns aus der Oberpfalz angerufen und gesagt: Wenn jetzt noch ein paar Coronakranke mehr kommen, dann gehen uns die Beatmungsgeräte aus. Da waren wir nicht in Afrika, da waren wir bei uns in der Oberpfalz!

Was können wir lernen?

Das Thema Pandemie ist ein ganz konkretes Beispiel dafür, wie wir weltweit zusammenstehen müssen. Ähnlich, wie wir das zum Beispiel auch beim Klimaschutz noch viel mehr tun müssten.

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