Burkina Faso Flüchtlinge Jörg Böthling

Lange wurde Burkina Faso gepriesen als Vorbild für das gute Zusammenleben von Völkern und Religionen. Doch jetzt erschüttern Gewalt und Terror das Land in Westafrika. Die Zahl der Flüchtlinge hat die Millionengrenze überschritten – laut Vereinten Nationen ist es die am schnellsten wachsende humanitäre Katastrophe weltweit. Was haben die Menschen erlebt? Und wo sollen sie hin?

Er redet6 2020 rep burkina faso jbo 1 so viel, weil er nicht weiß, was er sagen soll. Idrissa Jean Bruno Ouédraogo fehlen schlicht und ergreifend die richtigen Worte. Am Ende läuft alles auf den einen Satz hinaus: „Es war für mich selbstverständlich, den anderen zu helfen.“

Herr Ouédraogo wird „Papa Jean“ genannt, und wie ein Vater kümmert er sich um diejenigen, die vor Kurzem bei ihm angeklopft haben. Über dreißig Menschen – Frauen wie Männer und Kinder – standen am rostbraunen Eisentor und fragten: „Bitte, Papa Jean, kannst du uns helfen? Wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen.“

Herr Ouédraogo ließ sie herein. Er hatte ja schon gehört, was geschehen war. Ein Überfall auf das kleine Dorf Dablo, weiter oben im Norden ihres Heimatlandes Burkina Faso. Und das mitten am Tag, ja sogar an einem Sonntag!

Die Angreifer kamen bei der zweiten Strophe

Eine, die an diesem schrecklichen Tag mit dabei war, ist Marie Sawadogo. Wenn sie an die Ereignisse vom Mai 2019 zurückdenkt, sind die Erinnerungen sofort wieder da. Ihr Blick schweift ins Leere, wie an einen fernen Ort. Es scheint, als sehe sie das alles noch ganz deutlich vor sich.

„Wir sangen gerade im Kirchenchor“, berichtet sie. „Gerade fingen wir mit der zweiten Strophe an.“ Da hörten sie Lärm von draußen – Motorräder, die auf den Dorfplatz vor der Kirche heranrauschten. Und dann, was war das?

Schüsse, wahrscheinlich. „Wir liefen nach draußen“, sagt Marie Swadogo. Aber sie konnten den Angreifern nicht mehr entkommen, die Kirche war schon umzingelt. Sie mussten sich in einer Reihe aufstellen und ihre Ausweise herzeigen.

Der Name entscheidet über Leben und Tod

Die Terroristen kontrollierten ihre Namen: Klingen sie eher christlich, wie Marie oder Jean-Paul? Oder muslimisch, wie Fatouma oder Mamadou? „Ich denke, dass sie uns töten wollten“, sagt Marie Sawadogo heute. Und tatsächlich: Fünf Männer wurden umgebracht. Außerdem der Pfarrer der Gemeinde, der eben noch die Messe gel6 2020 burkina faso jbo 2esen hatte. Dann sollten die Frauen an die Reihe kommen.

Marie Sawadogo bricht mit ihrer Erzählung ab. Es soll genügen für den Moment.

Wichtig ist ja ohnehin nur, dass sie überlebt hat. Und dass sie sich jetzt einigermaßen in Sicherheit befindet. Weil ihr entfernter Onkel Jean Bruno Ouédraogo sagte: „Ja, kommt herein, ich helfe euch.“

Mehr als eine Million solcher Schicksale kennt das Land Burkina Faso inzwischen, in nicht einmal zwölf Monaten sind sie alle heimatlos geworden, Flüchtlinge im eigenen Land. Ihre Dörfer und Gemeinden sind nichtmehr sicher genug vor den Angriffen der verschiedenen terroristischen Gruppen, sowie der bewaffneten Milizen, die Vergeltung üben und damit die Gewalt nur weiter anheizen.

Wie hat es nur so weit kommen können? Burkina Faso galt doch immer als Musterbeispiel für ein gutes Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen, zwischen den Stämmen und Volksgruppen. Das war auch keine Utopie, sondern ganz praktischer Alltag.

Terror kommt aus den Nachbarländern - doch nicht nur

Experten sehen mehrere Gründe: Die Krisen in den Nachbarländern Mali und Niger sind inzwischen so groß geworden, dass sich das kleine Land Burkina nicht mehr davor schützen kann. Wenn in Mali die Truppen Frankreichs, der Vereinten Nationen und auch der deutschen Bundeswehr immer schwerere Geschütze gegen Islamisten und andere Rebellen auffahren – ist es dann nicht naheliegend, dass sich die unzähligen Splittergruppen einfach über die Grenze zurückziehen, wo sie vor dem Zugriff ausländischer Armeen sicher sind?

Wenn Mali für sie zu gefährlich wird, dann verbreiten sie ihren Terror eben in Burkina Faso. Aber es wäre zu kurz gedacht, würde man den Terrorismus immer nur als ausländisches Phänomen betrachten. Nach dem Motto: Unsere Leute würden in Frieden leben, wenn nur nicht die Ausländer wären. Das stimmt nirgendwo auf der Welt, also auch nicht hier.

Einheimische Verbündete

Denn woher sollen Terrorkämpfer aus Mali oder Niger wissen, wann genau in einem Dorf wie Dablo die Sonntagsmesse stattfindet? Oder an welcher Stelle man von der Hauptstraße abbiegen muss, um über holprige, verschlungene Seitenwege das besagte Dorf zu erreichen? Dafür braucht es einheimische Verbündete – Menschen, die Informationen haben und sie weitergeben.

Das muss gar nicht unbedingt aus Bosheit geschehen oder aus religiösem Fanatismus. Es reichen schon Gefühle wie Enttäuschung, Angst, Verzweiflung. Die sind weit verbreitet, gerade in den abgelegenen Regionen der Sahelzone. Dort, wo das Wasser immer knapper wird, wo die Ernten immer spärlicher ausfallen, und die Weidegründe für Kühe, Schafe und Ziegen immer weiter schrumpfen.

IHRE HILFE IST GEFRAGT
Bereits im August rief das UNHCR wegen der humanitären Katastrophe zu Spenden auf. Durch die Folgen der Corona-Pandemie spitzt sich die Notlage der Menschen noch weiter zu. Es fehlt am Nötigsten: Lebensmittel, sauberes Wasser und sichere Unterkünfte. Bitte lassen Sie die vertriebenen Menschen in Burkina Faso jetzt nicht allein! Mit Ihrer Spende unterstützen Sie unsere kirchlichen Partnern vor Ort bei der Aufnahme und Versorgung der Geflüchteten. Jeder Euro zählt! Nur 31 Euro kostet beispielsweise ein 50-kg-Sack Reis, der eine Flüchtlingsfamilie einen ganzen Monat lang ernährt. Hier geht's zur Online-Spende.

„Kommt mit uns!“ So lautet die einfache Botschaft der Terrorgruppen. Jungen Männern werden Gewehre versprochen, und Motorräder und vielleicht sogar eine Frau als Braut. Auch Frauen schließen sich dem Tross des Terrors an – sie verdienen Geld als Händlerinnen, als Köchin für die Kämpfer, als Bräute der heiligen Krieger.

Wobei, mit der religiösen Botschaft ist es nicht so weit her – das betonen eigentlich alle, die jemals eine solche Gruppe in Aktion erlebt haben.

„Erst haben sie gebetet, aber dann haben sie unsere Tiere gestohlen“

6 2020 burkina faso jbo 3Wie ein Mann namens Issa Moussa Sawadogo aus dem Dorf Léré. Auch dort fielen Terroristen ein, griffen die Polizeistation und das Haus des Bürgermeisters an, verbreiteten Angst und Schrecken. „Sie haben geraucht, sie haben getrunken“, sagt Issa Moussa Sawadogo. „Erst haben sie gebetet, aber dann haben sie unsere Tiere gestohlen.“ Und fügt leise, aber doch voller Abscheu hinzu: „Das zeigt mir, dass sie keine gläubigen Menschen waren.“

Wer da nicht mitmachen will, muss weg. Wie Issa Moussa und Marie Sawadogo, die nicht verwandt sind, sondern nur einen der besonders häufigen burkinischen Familiennamen teilen. Jetzt haben sie, wie viele andere, Zuflucht gefunden in kleinen Städten wie Kaya und Dori. Manche kommen bei Verwandten unter, andere stranden in provisorischen Lagern.

Auch die katholischen Priester vieler Pfarrgemeinden haben zusammen mit ihren Gläubigen fliehen müssen. Eigentlich gelten Geistliche, ob christliche Priester oder muslimische Imame, als Respektspersonen und bleiben meist von Angriffen verschont. Nicht so in diesen Zeiten in Burkina Faso. Es scheint kein Zufall, dass in den vergangenen Monaten immer mehr dieser lokalen Führungspersonen attackiert wurden. Als ob die Angreifer ihre Stärke noch einmal eigens beweisen wollten.

Terroristen töten moderaten Imam 

Zwei Beispiele: Der Pfarrer der Gemeinde Djibo, Abbé Joel Yougbaré, war im März 2019 auf dem Heimweg von einer Sonntagsmesse. Doch er kam nie an.

Wo ist er, wer hat ihn entführt? Bis heute gibt es keine Meldung seiner Entführer, keine Forderung nach Lösegeld. Nur ein spärliches Lebenszeichen: Westliche Geiseln berichteten nach ihrer Freilassung, dass sie den Priester in der Gefangenschaft gesehen hätten. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut, er sei noch am Leben.

Anders der muslimische Imam von Djibo. El Hadji Souaibou Cissé galt als mutiger Mann. Er hatte die immer häufiger werdenden Angriffe offen verurteilt. Als er im August 2020 mit einem öffentlichen Bus fuhr, wurde dieser angehalten. Man befahl dem Imam auszusteigen. Er wurde mitgenommen. Wenig später fand man seine Leiche.

TEXT: CHRISTIAN SELBHERR | FOTOS: JÖRG BÖTHLING

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