b78c93c61f779766df9e56242f45a6ea_w1170_h600_cp missio München - "Was die Welt denkt, ist China völlig egal" – Interview mit Ian Johnson

Er berichtet seit 20 Jahren aus China, zunächst für das "Wall Street Journal" und heute vor allem für die "New York Times". Eines seiner Spezialgebiete ist die Rolle der Religionen im kommunistischen "Reich der Mitte". Im Interview mit missio-magazin-Redakteur Christian Selbherr erklärt Ian Johnson, warum die Zahl der Gläubigen in China so rasant gestiegen ist und was er von den jüngsten diplomatischen Bemühungen des Vatikans hält.

 Der chinesische Präsident Xi Jinping hat die Verfassung geändert. Er kann nun unbegrenzt im Amt bleiben. Wird sich jetzt auch der Umgang des Regimes mit den religiösen Minderheiten verschärfen?
Das ist bereits seit einigen Jahren so. Die Regierung hat erkannt, dass die verschiedenen Religionsgruppen immensen Zulauf haben. Eine Tatsache, die sie teilweise unterstützt, teilweise toleriert, aber teilweise auch als Gefahr ansieht. Die Regierung hat Sorge, dass die Religion außer Kontrolle geraten könnte.

Wovor hat man in Peking Angst?
Ganz grundsätzlich möchte die chinesische Regierung keine Zivilgesellschaft im Land haben. Sie sehen zwar ein, dass es einen Bedarf für ein paar Wohltätigkeitsorganisationen gibt. Aber eine unabhängige Zivilgesellschaft, die sich selbst organisiert und zu der auch Religionsgemeinschaften zählen – das wollen sie nicht. Ob es um die katholische Untergrundkirche geht, oder um protestantische Hauskirchen:
Solange die sich fromm auf das Religiöse beschränken, kann die Regierung damit leben. Aber sie wird misstrauisch bei allem, was darüber hinausgeht.

Woher rührt dieses Misstrauen?
In Peking hat man nach 1989/90 sehr genau studiert, warum die Ostblockstaaten und die Sowjetunion zerfallen sind. Auf keinen Fall will China eine katholische Kirche, wie es sie in Polen gab. Oder eine evangelische Kirche, die eine Rolle spielt wie in der DDR. Die Religionsgruppen sollen sich nicht in die Politik einmischen. Sie sollen Gottesdienste feiern, sonst nichts.

Während der "Kulturrevolution" unter Mao wurden Kirchen zerstört, Priester ins Gefängnis oder ins Umerziehungslager gesteckt. Warum hat es seitdem eine "Rückkehr der Religion" gegeben?
Ende der 1970er, Anfang der 1980er-Jahre begannen alle Religionen, ihre Kirchen, ihre Tempel, ihre Moscheen wiederaufzubauen - erst einmal ohne Einfluss der Regierung. Ende der 80er folgte dann langsam die staatliche Anerkennung – zum Beispiel, indem Priesterseminare eröffnet werden durften. Dass es aber seit den 90ern diesen Boom gab, hat aus Sicht der Gläubigen einen ganz bestimmten
Grund: Sie sind unzufrieden mit der radikalen, säkularen Gesellschaft, die ihnen im 20. Jahrhundert aufgezwungen worden war. Also wandten sich viele Menschen wieder einer Religion zu.

Mit welcher Absicht?
Weil sie nach einem Wertesystem suchen, weil sie sich nach Gemeinschaft sehnen, weil sie Antworten wollen auf uralte Fragen der Menschheit, die der Kommunismus ihnen nicht beantworten kann. Es
gibt in China heute eine weit verbreitete Malaise, es fehlt an gemeinsamen Werten, es fehlt an den einfachsten moralischen Standards. Die Chinesen selbst diskutieren darüber fast ununterbrochen, zum
Beispiel in den sozialen Medien. Das ist also kein Tabuthema. Auch der Regierung ist in den vergangenen fünf oder zehn Jahren klar geworden, dass es diese Probleme gibt. Jetzt findet sie, dass Religion
dazu nützlich sein könnte, um den Menschen ein Wertegerüst mitzugeben. Etwas, das die Gesellschaft zusammenhält.

Manche Religionen wachsen schneller als andere. Warum geht es bei den Katholiken in China langsamer?
Die katholische Kirche in China war immer schon in den ländlichen Gebieten stark. Aber seit einigen Jahren dünnen viele ländliche Regionen aus, weil die Menschen in die Städte abwandern. Außerdem
gibt es die Spaltung in der Hierarchie, mit einer starken sogenannten "Untergrundkirche", die Rom treu ist, und der staatlich kontrollierten "Patriotischen Vereinigung".

Bei den Protestanten ist das anders?
Ja, da gibt es sehr, sehr viele "Do it yourself"-Pastoren, die sich autodidaktisch beigebracht haben, was sie den Menschen predigen und ihre eigenen Kirchen gründen. Dadurch wachsen die protestantischen
Gemeinden viel schneller. 

Kann man denn in China von einer Christenverfolgung sprechen?
Es gibt auf jeden Fall staatlicheMaßnahmen, die die Freiheit einschränken. Vor kurzem wurde zum Beispiel verboten, im Internet Bibeln zu kaufen oder zu verkaufen. Die Bibel ist so ziemlich der
einzige religiöse Text, der nicht einfach so im Buchladen zu bekommen ist. Man kann sie nur direkt in den Kirchen kaufen. Aber es gab eben ein Schlupfloch: das Internet. Das hat die Regierung jetzt geschlossen.

Der Vatikan verhandelt zur Zeit mit Peking über ein Abkommen. Besonders die Wahl von Bischöfen ist seit Jahren ein Streitpunkt. Wird es da eine Einigung geben?
Als vor zwei Jahren die ersten Berichte aufkamen,war ich sehr skeptisch. Ich verstand nicht, warum China so ein Abkommen wollen würde. Manche sagen: Sie möchten guten Willen zeigen und ihr öffentliches Bild aufpolieren. Aber die Meinung der Weltöffentlichkeit ist China ziemlich egal. In den 80er- und 90er-Jahren mag das anders gewesen sein, aber jetzt? China ist so mächtig geworden. Sie
haben letztes Jahr sogar den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo im Gefängnis sterben lassen! Was die Welt darüber denkt, ist ihnen völlig egal.

Also, was vermuten Sie?
Wahrscheinlich ist ihr Antrieb eher, dass sie das Problem mit der Untergrundkirche regeln wollen. Das Ziel des Vatikans scheint mir dagegen genau das Gegenteil zu sein. Der Vatikan denkt: Lasst uns aufeinander zugehen, dann können wir sicherstellen, dass Peking keine schlechten Bischöfe mehr ernennt. Gute, von Rom anerkannte Bischöfe werden die Kirche in China stabilisieren, sagt der Vatikan.
Diese beiden Standpunkte zu vereinen, dürfte sehr schwer werden.

Woran hakt es ganz konkret?
Das Problem für beide Seiten liegt in der Frage, wer bei einer Bischofsernennung das letzte Wort hat. Unter Präsident Xi Jinping ist China nicht gewillt, einer ausländischen Organisation das letzte Wort
darüber zuzugestehen, wer in China eine zivilgesellschaftliche Struktur aufbaut. Aber damit für den Vatikan ein Abkommen mit der chinesischen Regierung glaubwürdig ist, wird es nötig sein, dass der Papst ein Vetorecht bekommt, und sagen kann: Dieser oder jener Kandidat, den uns Peking als Bischof vorschlägt, scheint uns nicht geeignet. Worin läge sonst der Wert eines Abkommens?

Womit rechnen Sie?
Ich persönlich kannmir einfach nicht vorstellen, dass Xi Jinping so viel Macht an die katholische Kirche abgeben wird. Er wird sich die Kontrolle über Bischofsernennungen nicht wegnehmen lassen.

 Interview: Christian Selbherr für das missio magazin 4/2018; Foto: Sim Chi Yin

 

 ZUR PERSON
Ian Johnson, geboren 1962 im kanadischen Montreal, studierte zunächst in Peking und Taiwan und kam dann als junger Reporter nach Berlin - kurz bevor die Mauer fiel. Für seine China-Berichterstattung erhielt er 2001 den Pulitzer-Preis. Johnson sprach vor kurzem beim China-Zentrum in Sankt Augustin und betonte: Mit ihrer Religionspolitik schaffe die chinesische Regierung bewusst Gewinner und Verlierer und versuche, die unterschiedlichen Gruppen gegeneinander auszuspielen. Das von den Steyler Missionaren gegründete China-Zentrum fördert Begegnung und Austausch zwischen den Kulturen und Religionen im Westen und in China. Im April 2018 wurde missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber zum Vorsitzenden des Vorstands gewählt.

Buchtipp
"The Souls of China – The Return of Religon in China after Mao", erschienen 2017 bei "Allen Lane/Penguin Books". Preis 20,99 Euro (eine deutsche Ausgabe liegt noch nicht vor)

9 2018 Cover Buch Souls of China

 

 

 

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