Deutsche Spuren in Togo

Das deutsche Kolonialabenteuer in Togo war kurz und ziemlich erfolglos – und es liegt mittlerweile weit zurück. Doch die Verbindungen zwischen Deutschland und dem Land in Westafrika sind immer noch eng. Erkundungen in der Haupt- und Hafenstadt Lomé.

REPORTAGE VON CHRISTIAN SELBHERR / FOTOS: JÖRG BÖTHLING

mm 03 2021 Reportage Togo 4Der Containerhafen von Lomé ist der größte in ganz WestafrikaMan könnte jetzt einfach eine der bekannten Legenden weitererzählen. Das Klischee von der „deutschen Wertarbeit“ zum Beispiel, die man im Ausland bewundert. Und damit wäre dann erklärt, warum deutsche Ingenieure auch in einem afrikanischen Land wie Togo geschätzt werden. Daran mag einiges stimmen. Aber ganz so simpel ist es dann doch nicht. „Für Nationalität gibt es leider keine Punkte”, sagt Klaus Richter. Er ist Ingenieur und einer der Geschäftsführer von „Inros-Lackner“, einem Ingenieurbüro mit 600 Mitarbeitern an zwölf Standorten in Deutschland.

Es ist ein Tag im Dezember 2020, als Klaus Richter sich vom Flughafen in Brüssel meldet. Er ist auf dem Weg in den Senegal, danach soll es weiter in den Kongo gehen. Die Firma ist seit vielen Jahren in Afrika aktiv. Eine besondere Verbindung gibt es nach Togo, das ab 1884 ein Teil des kurzlebigen deutschen Kolonialreiches war.

Ein Hafen als Geschenk für die Unabhängigkeit

„Im Prinzip ist unser Name verknüpft mit dem Hafen von Lomé“, erklärt Klaus Richter. 1960 wurde Togo unabhängig von Frankreich, das Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg als Kolonialmacht abgelöst hatte. Ein neuer Tiefseehafen war „ein Geschenk der deutschen Entwicklungshilfe zur Unabhängigkeit Togos“, sagt Ingenieur Richter.

Die Firma, die damals noch „Prof. Dr. Lackner und Partner GmbH“ hieß, übernahm die Bauüberwachung. Der Hafen wurde 1968 eröffnet. Aus dem damaligen Baustellenbüro ist die heutige Niederlassung von „Inros-Lackner“ in Lomé geworden. Deren Leiter, Christian Esser, beschreibt, in welchem internationalen Netzwerk sich ein Engagement in Afrika heutzutage bewegt.

mm 03 2021 Reportage Togo 3Deutsche Ingenieure, chinesische Baufirma

Die Regierung von Togo hat ein Straßenbauprojekt in Auftrag gegeben. 20 Kilometer finanziert die EU-Kommission. Zehn Kilometer übernimmt die „Islamische Entwicklungsbank“ aus Saudi-Arabien. Eine chinesische Baufirma führt die Arbeiten aus. Das deutsche Ingenieurbüro kümmert sich um die Bauüberwachung. „Man muss sich immer wieder neu beweisen.” Wie gesagt: Nationenpunkte gibt es nicht.

900 Kilometer Pisten

Das derzeit größte Projekt? „Da geht es darum, insgesamt 900 Kilometer Pisten in der Baumwollregion herzurichten”, sagt Christian Esser. Sie haben die Planungen ausgeführt, jetzt haben die Bauarbeiten begonnen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bezahlt.

Auch der Anbau von Baumwolle in Togo geht auf die deutsche Kolonialzeit zurück. 1903/1904 versuchte das Kaiserreich, unabhängiger zu werden vom „King Cotton“ und der Baumwolle aus Großbritannien und Nordamerika. Außerdem hieß es, man wolle die Afrikaner zu fleißigen Lohnarbeitern erziehen – in Wahrheit entstand ein System aus Zwangsarbeit und Prügelstrafen, und der wirtschaftliche Erfolg war überschaubar. Aber die alten Plantagenfelder gibt es noch. Und, so Christian Esser, mit besseren Straßen würden die Chancen der einheimischen Bauern steigen, ihre Ernte zu verkaufen – vielleicht sogar für den Export im Hafen von Lomé.

mm 03 2021 Reportage Togo 6Koloniale Überreste: Hier legten Anfang des 20. Jahrhunderts Schiffe an

Wirtschaft lebt vom Zugang zum Meer

Der Hafen ist einer der größten in der Region. Binnenländer wie Burkina Faso und Niger nutzen Lomé als Meereszugang. Bei 17 Metern Wassertiefe können hier auch die ganz großen Containerschiffe die Küste anlaufen. Etwa 80 Prozent der gesamten Wirtschaft von Togo ist an der Küstenregion angesiedelt.

In Togo geboren

Für Christian Esser ist es nicht der erste Aufenthalt in Togo. Er ist in Togo geboren. Seine Mutter arbeitete für den Deutschen Entwicklungsdienst, sein Vater leitete als Pastor die Evangelische Seemannsmission. Als Christian Esser vier Jahre alt war, zog die Familie weiter nach Gabun, acht Jahre später ging es zurück nach Emden. Aber damit riss die Verbindung nach Afrika nicht ab.

Mission schon in vorkolonialer Zeit aktiv

mm 03 2021 Reportage Togo sowuPastor Henri Sowu von der Seemannsmission LoméEnde der 90er-Jahre war Pastor Henri Sowu aus Togo für ein halbes Jahr zu Gast bei Familie Esser. Danach übernahm Henri Sowu die Seemannsmission in Lomé. Auch diese Einrichtung geht auf ein deutsches Engagement zurück: Evangelische und katholische Missionsgesellschaften waren schon in vorkolonialer Zeit in Westafrika aktiv. Jetzt ist Henri Sowu gerade in den Ruhestand gegangen.

Bis dahin kümmerte er sich um Seeleute aus allen Erdteilen, manche brauchten Hilfe bei schlechten Arbeits- oder Vertragsbedingungen, andere suchten geistlichen Beistand. Und das Seemannsheim am Hafen von Lomé war ein beliebter Treffpunkt der deutschen Exilgemeinde – doch jetzt ist es für immer geschlossen. Ein Hotel soll daraus werden, wenn sich ein Interessent findet.

Matrosen bleiben aus

Die Zeiten haben sich geändert – früher gingen Seeleute für zwei Wochen an Land, bis ihr Schiff wieder ablegte; heute dauert das Be- und Entladen oft nur wenige Stunden. Strenge Hygieneregeln im Zuge der Corona-Krise erschweren Landgänge zusätzlich. So gehört nun auch das Seemannsheim zu den Ecken von Lomé, die eher nach Stillstand denn nach Fortschritt aussehen.

Übrigens, es stimmt: Die Corona-Pandemie trifft auch ein Land wie Togo hart. Zwar sind die offiziellen Ansteckungszahlen weiterhin viel niedriger als in Europa. Am 7. Januar 2021 gab es laut Gesundheitsministerium seit Beginn der Pandemie 4109 bestätigte Corona-Fälle und 70 Tote.

Infektionen steigen – damit wird Bildung erschwertmm 03 2021 Reportage Togo 10

Im Juni 2020 schätzte das „World Food Programme“ (WFP) der Vereinten Nationen noch, dass bald bis zu 1,3 Millionen Menschen in Togo von Hunger bedroht sein könnten. Auch da haben sich die offiziellen Zahlen als weniger dramatisch herausgestellt: 102.350 Menschen leiden laut WFP derzeit an Lebensmittelknappheit. Doch die Infektionszahlen steigen seit Weihnachten stark an, und auch die Berichte von Noël Akpabie lesen sich weitaus bedrohlicher.

Noël Akpabie ist katholischer Priester, und er hat ebenfalls enge Beziehungen nach Deutschland. Anfang der 2000er-Jahre kam er für seine Doktorarbeit an die Universität München. Als Kaplan half er in der Pfarrei St. Bonifatius in Haar aus und berichtete dort, wie schwer es für Familien aus den Armenvierteln von Lomé sei, ihren Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen. Es fand sich ein Kreis von Wohltätern, mit deren Hilfe der Bau einer Grundschule im Viertel Lomé-Adakpamé gelang. Mit 60 Euro lässt sich dort das Schulgeld für ein Kind pro Schuljahr finanzieren.

„Diese Krise spart keinen aus“

mm 03 2021 Reportage Togo AkpabieNach der Sonntagsmesse mit P. Noël Akpabie in einem der ärmeren Stadtviertel.„Am 20. März wurden alle Schulen, Universitäten, Ausbildungsstätten und auch Gotteshäuser geschlossen“, berichtet Noël Akpabie. Die Regierung verordnete Ausgangssperren und Abstandsregeln, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Polizei- und Sicherheitskräfte setzten diese Regeln zum Teil rigoros durch, besonders in den Armenvierteln. Im April 2020 kam ein junger Mann zu Tode, der nachts auf der Straße unterwegs war. Die genauen Umstände blieben ungeklärt, aber Nachbarn und Freunde des Toten machten die Polizei dafür verantwortlich, wie lokale Medien berichteten.

„Diese Krise spart keinen aus“, sagt Noël Akpabie. „Leider hat sie die Schwachen nun noch verwundbarer gemacht. Die Misere ist überall zu spüren. Sich ernähren und versorgen, das Geld für eine Unterkunft bezahlen – solche Grundbedürfnisse sind zu einem Luxus geworden.“

Im Herbst hat immerhin ein neues Schuljahr beginnen können. „Aber die Vorgaben gegen Covid-19 sind schwer zu erfüllen.“ Um „Abstand halten“ zu können, sollen weniger Kinder in einer Klasse sitzen. Das heißt: nur noch 40, statt bisher 70 oder gar 80, und das bei vergleichsweise kleinen Klassenzimmern. So bleibt bei vielen Menschen vor allem große Angst.

„Wir wollen noch lange bleiben“mm 03 2021 Reportage Togo kind

Immerhin, im Januar 2021 erklärte die Regierung von Togo, dass eine Impfstrategie vorbereitet werde. Techniker und Ingenieure glauben an den Fortschritt als Ausweg aus der Krise. Obwohl auch Christian Esser in Togo beobachtet hat: „Es gibt vor allem in der Hauptstadt diejenigen, die einen großen Profit schlagen, und es gibt in der ländlichen Bevölkerung viele, die am Hungertuch knabbern.“

Aber, wie sein Kollege Klaus Richter betont: „Der Ingenieur sagt: Wo ein Verkehrsmittel ist, wo es eine Straße gibt, eine Eisenbahn, da wird sich am Bahnhof ein Geschäft niederlassen, in dem Menschen etwas kaufen oder verkaufen können.“ Infrastruktur wie der Bau von Straßen und Schienen sei also entscheidend für eine gute Entwicklung. Seit mehr als 60 Jahren arbeitet die Firma „Inros-Lackner” nun in Lomé. „Und wir wollen noch lange bleiben“, sagt Klaus Richter. Die Tage der deutschen Kolonialherrschaft mögen weit zurückliegen. Man könnte die Vergangenheit ruhen lassen, wie es manche fordern. Man kann aber auch aus ihr lernen, und es in der heutigen Zeit besser machen.

pdfHier können Sie sich die Reportage als pdf herunterladen

MEHR AUS DEM MAGAZIN: Die Reportage ist im aktuellen missio magazin  (2/2021) erschienen, in dem das Thema Kolonialismus von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Haben Sie Interesse, mehr darüber zu erfahren? Hier geht es zu weiteren Inhalten, den früheren Heften und der Möglichkeit, ein Probeheft zu beziehen: missiomagazin.de >>

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